Bastian Hein, Die SS. Geschichte und Verbrechen (München: C. H. Beck, 2015).

Rezensiert von Riccardo Altieri

Der Privatdozent und Mitarbeiter im Bundeskanzleramt, Bastian Hein, der sich bereits über die Geschichte der SS[1] habilitiert hat, veröffentlichte 2015 eine kurze Einführung zur umfassenderen Thematik der gesamten SS-Geschichte mit speziellem Fokus auf ihre Verbrechen, die für den schnellen und informativen Einstieg hervorragend geeignet ist.

Als „beinahe ‚normales‘ Kind ihrer Zeit“ betitelt Hein die Schutzstaffel (SS) im ersten Absatz des Initialkapitels seines Buches (S.7). Damit meint er zweifelsfrei die Koexistenz unter einer schier unüberblickbaren Anzahl von Freikorps – eine Einschätzung, die sicherlich zutreffend ist. Denn ebenso wie den Freikorps erging es den ersten Mitgliedern der SS, die den Verlust des Militärdienstes als Verlust der „Schule der Männlichkeit“ und der „Schule der Nation“ begriffen (S.8). Einer der Gründe, weshalb sich neben der Sturmabteilung (SA) noch eine weitere nationalsozialistische Organisation gründete, war Adolf Hitlers (1889-1945) Unzufriedenheit mit der Unzuverlässigkeit der SA-Angehörigen sowie deren teilweise „Doppelmitgliedschaft“ in anderen Freikorps. Um zunächst also eine schnell greifbare „Schlägertruppe“ in Reichweite zu haben, gründete er im März 1923 eine Stabswache, der er zwei Monate darauf den martialischen Namen „Stoßtrupp“ verlieh (S.9). Als sich diese Organisation allerdings am 9. November 1923 offen am Hitlerputsch beteiligte, wurde sie vorerst verboten (S.10). Nach Hitlers Freilassung wuchs der nun gegründete „Orden unter dem Totenkopf“ unter Reichsführer-SS Joseph Berchtold (1897-1962) bis zum Juli 1926 auf etwa 1.000 Mann an, die wiederum in 75 Staffeln unterteilt waren. Damit war die SS nicht zum letzten Mal um ein Vielfaches kleiner als die SA, die als „Frontbann“ unter Ernst Röhm (1887-1934) 1925 bereits circa 30.000 Mitglieder zählte. Bis zum Sommer 1934 blieb die SS deshalb der Obersten SA-Führung unterstellt (S.11f.). Als die SS infolge der Weltwirtschaftskrise bis Ende 1930 rund 4.000 Mitglieder vorweisen konnte, war die SA parallel auf 88.000 Kämpfer angewachsen; im Januar 1933 – also im Monat der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ – standen 52.000 Männer in den Reihen der SS und 427.000 in Röhms SA (S.12). Trotz des quantitativen Überhangs der SA lag der „Qualitätsanspruch“ im Straßenkampf auf Seiten der SS, die deutlich häufigere und intensivere Auseinandersetzungen mit dem Rotfrontkämpferbund der KPD oder dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold der (Sozial-)Demokraten provozierte (S.13). „Die SS war also bis 1933/34 keineswegs feiner, schicker oder respektabler als die SA (…), vielmehr war die Schutzstaffel bis 1934 Fleisch vom Fleische der Sturmabteilung“ (S.14).

Im zweiten Kapitel skizziert Hein die sukzessive Abspaltung der SS von der SA und den Aufstieg Heinrich Himmlers (1900-1945) zum Reichsführer-SS. Zunächst führt der Autor kurz in die Biographie Himmlers ein (S.15) und verweist darauf, dass eine protofaschistische Genese[2] des zunächst katholisch erzogenen Heinrich seit Peter Longerichs umfassender Biographie[3] ausgeschlossen werden kann. Himmler zog eine Reihe – teils gesellschaftlich eher ausgegrenzter – Individuen auf einflussreiche Posten. Den Chef des Sicherheitsdienstes (SD) Reinhard Heydrich (1904-1942) rettete er nach dessen unehrenhafter Entlassung aus der Reichsmarine infolge sexueller Eskapaden und den „Inspektor der Konzentrationslager“ Theodor Eicke (1892-1943) rehabilitierte er sogar aus der geschlossenen Psychiatrie (S.17, 63). Nach Röhms Beförderung zum Reichsminister, dem 4,5 Millionen SA-Männer unterstanden, was Himmler als Münchner Polizeipräsident mit einigem Argwohn beobachtete, konnte er zwischen dem 30. Juni und 2. Juli 1934 seine gesamte Schutzstaffel alarmieren, die im Anschluss in etlichen SS-Rollkommandos eine vorbereitete „schwarze Liste“ abarbeitete und circa 1.100 Personen verhaftete; zwischen 150 und 200 – darunter auch Röhm selbst – von ihnen fanden dabei einen gewaltsamen Tod (S.22f.).

In der Folge sollte es Himmler gelingen, seine Vorstellungen des perfekten, nordischen „Ariers“ in die Tat umzusetzen. Er proklamierte die Schutzstaffel als „‚Auslese besonders ausgesuchter Menschen‘ der ‚nordischen Rasse‘“ (S.25) und legte zunächst fest, dass der ideale SS-Mann mindestens 1,70 m groß sein musste. Seine Mimik musste auf Offenheit, Gehemmtheit, Psychopathie oder ein undefiniertes Lauern hin untersucht werden, Gesicht und Schädel wurden nach den Richtlinien der Eugeniker vermessen und auf ihre „nordische“ Qualität geprüft (S.30). Ein sogenannter „Erbgesundheitsbogen“, der sogar die Sterilisation der noch lebenden Verwandtschaft bedeuten konnte, war man nicht vollständig gesund, war ebenso obligatorisch wie ein Nachweis über die „arische“ Herkunft bis zum Jahr 1800 (S.31). Bewertet wurden zudem Körperbau, „rassische“ Qualität und „soldatische“ Gesamthaltung (S.32). Da so gut wie nie sämtliche Kriterien erfüllt waren, wurden die Aufnahmerichtlinien nach und nach gelockert, um das Volk nach Karl Marx’ (1818-1883) ungeliebter „Klassenkampftheorie“ nicht in Widerstand aufgrund einer „Rassenkampftheorie“ zu bringen, was Hitlers „Volksgemeinschaftsideologie“ (S.35) widersprochen hätte. Um aufgrund des mäßigen Zuwachses an Mitgliedern eine zuverlässige Quelle zu akquirieren, beschlossen Himmler und Baldur von Schirach (1907-1974), die 10 % der besten eines jeden Jahrganges in der Hitlerjugend direkt an den „Schwarzen Orden“ zu übergeben (S.36).

Zwischen 1934 und 1937 musste sich die SS wiederholt der öffentlichen Kritik stellen, lediglich eine Bande dienstunlustiger, interessenloser Trunkenbolde zu sein, die in ihren eigenen Reihen nicht nur Homosexuelle, sondern sogar Juden duldeten, wie beispielsweise Emil Maurice (1897-1972), der als Gründungsmitglied des Stoßtrupps Hitler und als dessen Duzfreund sogar als „Ehrenarier“ geduldet wurde (S.38). Zur nachhaltigen Disziplinierung seiner Schutzstaffel führte Himmler die „Geschenkkartothek“ ein, die mit kleinen Geschenken wie Schokolade oder Fruchtsäften, aber auch mit Zuschüssen und Krediten aus dem „Sonderkonto R“ die Moral der Truppe aufrecht erhalten sollte (S.41).

Auch auf dem sportlichen Feld war Himmlers „Elite“ nicht annährend so gut, wie er es sich gewünscht hätte. Das Reichssportabzeichen, das unter anderem einen Fünfkilometerlauf in unter 25 Minuten, einen Fünfundzwanzigkilometermarsch in unter vier Stunden und einen Kugelstoß von 16 Metern erforderte, erlangten nur rund 10 % (S.43). Und selbst auf intellektueller Ebene – vor allem im Bereich der Ausbildung – glänzte die Schutzstaffel nicht durch außerordentliche Raffinesse. So bediente man sich beispielsweise in der Erziehung zum Antisemitismus der „Protokolle der Weisen von Zion“ (S.46), die schon seit 1920 in der Londoner Times als Fälschung identifiziert wurden.[4] Die numerisch begrenzten kognitiven „Leuchttürme“ innerhalb der SS resultierten womöglich aus der Rekrutierungspolitik, die es einem SS-Offizier nicht vorschrieb, ein Abitur besitzen zu müssen, einem Offizier der Wehrmacht hingegen schon (S.63).

Ein weiterer Aspekt, den Hein in seinem Buch untersucht, ist die Religiosität der Schutzstaffel, um die sich nicht selten unbelegte Mythen ranken. Spirituell kam die Inspiration zur nordischen Götterwelt von Karl Maria Wiligut (1866-1946), einem ehemaligen k. u. k. Offizier aus Österreich, der sich seit den 1920er Jahren als „Weisthor“ bezeichnete (S.49). Dieser sah sich selbst als Nachfahre germanischer Könige mit der interessanten „Begabung“ des Erbgedächtnisses, was ihm ein umfassendes Wissen aus der antiken Welt verschaffen sollte. Als Himmler in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre herausfand, dass Wiligut von 1924 bis 1927 in einer Nervenheilanstalt war, distanzierte sich der Reichsführer-SS von seinem einstigen Idol. Jeglicher „kultische Unfug“ in diesem Zusammenhang sollte von Alfred Rosenberg (1892-1946) abgestellt werden (ebd.). Da es den Angehörigen der SS freigestellt war, aus der Kirche auszutreten, verließen bis Ende 1938 rund 61.000 Männer die katholische oder evangelische Gemeinde und galten fortan dem Pass nach als „gottgläubig“. Mit einem Anteil von 20 % waren die „Gottgläubigen“ in der SS fünfmal so stark vertreten wie im Rest der Bevölkerung (S.50).

Ein weiterer Fauxpas unterlief den Nationalsozialisten, als sie die 1933 ins Deutsche übersetzte und von Herman Wirth (1885-1981) herausgegebene „Ura-Linda-Chronik“ mit ihren angeblich germanischen Relationen zu den sagenumwobenen Inseln „Thule“ und „Atlantis“ für bare Münze nahmen, was erst 1937 aufgeklärt werden konnte (S.54).

Im Februar des Jahres 1933 entschied man sich, dass 15.000 der 50.000 Mann starken Hilfspolizei Angehörige des „Schwarzen Ordens“ sein mussten. Ihre Hauptaufgabe lag im Kampf gegen Kommunisten und Sozialdemokraten als „Erzfeinde der Nationalsozialisten“ (S.59). Politische Häftlinge dieser beiden Parteien wurden in erster Linie in das Konzentrationslager Dachau deportiert, wo Himmler den gewaltbereiten Theodor Eicke – am 1. Juli 1934 war er es, der Ernst Röhm in Stadelheim erschossen hatte – als Kommandanten eingesetzt hatte. Dessen „Modell-KZ“ sollte maßgeblich den Alltag in allen Konzentrations- und Vernichtungslagern mitbestimmen (S.62). Da sich Ende 1934 die Häftlingszahl in sämtlichen Konzentrationslagern auf 3.000 reduziert hatte, ordneten der Reichsjustizminister Franz Gürtner (1881-9141) und der Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877-1946) die Abschaffung der Lager an. Hitler widersprach dem Einwurf der „Legalisten des Unrechtsstaates“[5] und gab damit Himmlers „extralegalen KZs“ den Vorzug (S.65). Dessen „wichtigster Verbündeter“ in der anschließenden Fusion aus SS und Polizei war Reinhard Heydrich. Nach der Usurpation der Geheimen Staatspolizei wurde Himmler von Hitler – einem Versprechen nachkommend – zum „Chef der deutschen Polizei“ ernannt (S.69). Die Führung der Kriminalpolizei ging in der Folge an Heydrich, und „wo irgend möglich wurden neu geschaffene Stellen mit SS-Männern besetzt“ (S.70). Ordnungsbeamte kamen dabei in die Allgemeine SS, Sicherheitspolizisten in den SD. Zwei der wenigen akademisch gebildeten Beispiele für die Einrichtung des Reichssicherheitshauptamtes waren der Niedersachse Otto Ohlendorf (1907-1951) und der Promovierte Werner Best (1903-1989). Mit einer Absegnung durch Hitler selbst stellten die beiden Juristen zahllose Weichen für die härtere Bestrafung von Einbrechern, Homosexuellen, „Zigeunern“, Prostituierten, Obdachlosen, Bettlern, Alkoholikern und Frauen, die abgetrieben hatten. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 folgten noch Juden aus dem neuen Reichsgebiet und die Zahl der „Schutzhäftlinge“ in den Konzentrationslagern stieg auf 54.000 an (S.73). Oswald Pohl (1892-1951) war es schließlich, der den Alltag der Gefangenen konstruierte, indem er das Moment der Zwangsarbeit einführte. Mit der zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“ an vielen Lagern im gesamten Reichsgebiet unterstrich er seinen grausamen Humor (S.74).

Das fünfte Kapitel befasst sich mit den Einsatzgebieten der Schutzstaffel während des Weltkrieges. Schon die Leibstandarte Adolf Hitler übernahm früh die Funktion einer Prätorianergarde für den „Führer“ (S.77). Als Einheiten der Totenkopfverbände im Polenfeldzug eingesetzt wurden, taten sie sich jedoch nicht entscheidend hervor: „Eine durchschnittliche Einheit, noch unerfahren, nichts Außergewöhnliches“, urteilte General Johannes Blaskowitz in diesem Kontext (S.79). Nach herben Verlusten und mangelnden Rekrutierungserfolgen entschied man sich rasch, Neumitglieder der Waffen-SS auch in Skandinavien, den Beneluxstaaten und Frankreich, aber inkonsequenter Weise auch in Estland, Litauen, Lettland, Weißrussland, Ungarn, Kroatien, Bosnien und der Ukraine einzuziehen. Hein analysiert treffend, dass diese Praxis einer Vielvölkerarmee in „krassem Widerspruch zur eigenen Ideologie“ stand (S.81). Begründet wurde dieser „Makel“ mit Abendlandsdiskursen und antibolschewistischer Rhetorik (S.81f.). Kriegsentscheidende militärische Manöver konnten von den Verbänden der Waffen-SS jedoch kaum bestritten werden, zumal ihre Haupteinsatzzeit nach der Kriegswende von 1941 lokalisiert werden muss (S.84).

„Noch weit mehr Energie als in die ‚Germanisierung‘ der Ostgebiete steckten die Männer der Schutzstaffel in den Versuch, ihr Herrschaftsgebiet ‚judenfrei‘ zu machen.“ Bis Ende 1937 hatten deshalb bereits 127.000 Juden das Deutsche Reich verlassen (S.90). An dieser Stelle führt Hein eine weitere „gescheiterte Existenz“ an: Adolf Eichmann (1906-1962). Durch den Polenfeldzug waren 1,7 Millionen, durch den Russlandfeldzug weitere 2,5 Millionen Juden in den Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten gelangt. Ab dem Frühjahr 1941 ging man rücksichtslos gegen Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens vor (S.93). Wer sich gegen die Erschießungsbefehle weigerte, wurde zumeist strafversetzt oder anderweitig bestraft, Inhaftierungen oder gar Exekutionen hatte jedoch entgegen der weitläufigen Meinung kein SS-Mann zu befürchten (S.94). So führte die neue Praxis zu Handlungsmustern, die den gewöhnlichen Soldaten psychisch überforderten. Das grausame Verbrennen von 700 in eine Synagoge gesperrten Juden in Bialystok am 27. Juni 1941, die Ermordung von 35.000 Juden in den Pripjat-Sümpfen zwischen Juli und September 1941 oder das 36 Stunden andauernde Akkord-Erschießen von 33.000 Kiewer Juden am 29. September 1941 und die anschließende „Bestattung“ unter einer gesprengten Klippe sorgten für nervliche Zusammenbrüche, Magengeschwüre, Alkoholexzesse oder psychosomatische Erkrankungen (S.94f.). „Sehen Sie in die Augen der Männer des Kommandos, wie tief erschüttert sie sind! Solche Männer sind fertig für ihr ganzes Leben. Was züchten wir uns damit für Gefolgsmänner heran? Entweder Nervenkranke oder Rohlinge“, diagnostizierte Erich von dem Bach-Zelewski (1899-1972) dem Reichsführer-SS (S.95).

Eine der grausamsten menschlichen Taten ist und bleibt die Euthanasie während der „Aktion T4“ unter der Aufsicht des Arztes Viktor Hermann Brack (1904-1948). Nachdem 70.000 Erwachsene und 5.000 Kinder dem Wahnsinn zum Opfer gefallen waren, intervenierten die Kirchen und Hitler ließ die Vergiftungen offiziell einstellen, nur um sie kurz darauf erneut einzusetzen. Bis Kriegsende starben 190.000 Menschen mit Behinderung an dieser „Behandlung“ (S.96). Vergleichbar war auch die Tötung von 500.000 Juden durch Auspuffgase, die mithilfe von 30 fahrbaren Gaswägen unter der Verantwortung von SS-Sturmbannführer Walther Rauff (1906-1984) vollzogen wurde. Allein in Kulmhof starben bis 1945 circa 150.000 Menschen durch die Hand von SS-Männern (S.97). Odilo Globocnik (1904-1945), in SS-Kreisen als „Globus“ bekannt, hatte mit seiner Verantwortung für gleich drei Konzentrationslager – Belzec und Sobibor in der Nähe von Lublin und Treblinka nordöstlich von Warschau – die zahlenmäßig meisten Opfer zu verzeichnen (ebd.). Während der „Aktion Reinhard“ zu Ehren Heydrichs – des „Architekten des Holocaust“ – wurden dort allein 1,5 Millionen Juden umgebracht (S.98).

Nach der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 war das Schicksal für 11 Millionen Juden in Europa von der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ betroffen. Die endgültige Antwort sollte das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz sein. Dessen Kommandant Rudolf Höß (1900-1947) trat bereits 1922 in die NSDAP ein, verbrachte dann jedoch die Jahre 1923 bis 1928 wegen Mordes im Gefängnis. Über die gesamte Zeit seines Schaffens zweifelte Höß kein einziges Mal an seinen Taten und beteuerte während seiner Haft in Polen, dass er seine „‚Leistungen‘ in Himmlers Diensten“ nicht bereue (S.99). Unter seiner Ägide wechselte man im Vergasungsprozess von Kohlenmonoxid auf das auf Blausäure basierende Zyklon B der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) (S.100). Nicht nur aus den rund 50 Außenlagern, auch aus dem Deutschen Reich kamen über die sogenannten Eichmann-Transporte ab März 1942 regelmäßig Gefangene in das Vernichtungslager. Die Erfurter Firma Topf & Söhne stellte die Hochleistungskrematorien her, um das Pensum von Tausenden Toten pro Tag einhalten zu können (S.101). Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 starben in Auschwitz rund 1,1 Millionen Menschen, davon 900.000 in den Gaskammern.

Das sechste und letzte Kapitel widmet der Autor der Nachkriegszeit und vor allem der gerichtlichen Verfahren gegen die NS-Verbrechen. So äußerte sich der Münchner Polizeipräsident in diesem Kontext derartig, dass die „große Masse“ der SS-Angehörigen rein gar nichts von der Judenvernichtung gewusst hätte (S.104). Obwohl die Nürnberger Prozessrichter die Schutzstaffel in allen drei Anklagepunkten – Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – schuldig gesprochen hatte, mussten nur die wenigsten der 750.000 SS-Veteranen persönliche Konsequenzen fürchten (S.105). In der amerikanischen Zone wurden beispielsweise 27.656 SS-Männer verurteilt, davon befand man jedoch nur 111 für „Hauptschuldige“ und 2.592 für „Belastete“ (ebd.). In den drei westlichen Besatzungszonen wurden insgesamt nur 5.025 Menschen überhaupt verurteilt, davon 806 zum Tode, wovon wiederum nur 486 tatsächlich vollstreckt wurden. In der sowjetischen Zone wurden von 5.000 Verurteilten etwa 1.000 hingerichtet (S.106). Auch im langen Nachkriegsprozess wurden „bis 2005 nur 166 NS-Täter von deutschen Richtern zu lebenslang verurteilt“ (S.107). Verständlicherweise kommentierte der Tübinger Strafrechtsprofessor Jürgen Baumann (1922-2003) diesen Sachverhalt wie folgt: „Ein Täter und sechzig Millionen Gehilfen – das deutsche Volk, ein Volk von Gehilfen“ (S.108). Diejenigen Täter, die sich ihres juristischen Schicksals zu entziehen versuchten, kamen zum Teil in Francisco Francos (1892-1975) faschistischem Spanien oder dem Argentinien unter Juan Perón (1895-1974) unter. Allein im letzten Fall waren es 180 NS-Täter, unter ihnen Adolf Eichmann und Josef Mengele (1911-1979) (S.111). Nach zum Teil jahrelangen Haftstrafen konnten ehemalige SS-Männer in Deutschland auf Seilschaften und Vetternwirtschaft bauen. Firmen wie Porsche und die Allianz-Versicherung, aber auch die Akademie für Führungskräfte in Bad Harzburg, die „Managerkaderschmiede der Bundesrepublik“, nahmen die Kameraden von einst mit offenen Armen auf (S.112). Im Jahr 1958 waren 33 der 57 leitenden Beamten im Bundeskriminalamt (BKA) ehemalige SS-Männer, im Bundesamt für Verfassungsschutz fanden sich über ein Dutzend wieder (S.113). Der 22.000 Mann starke Waffen-SS-Veteranen-Verband „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) wurde von Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967) ebenso umgarnt wie von Oppositionsführer Kurt Schumacher (1895-1952). In der Folge gewährte man den SS-Männern sogar Anrechnungen auf die Rentenversicherung für ihre Jahre in der Waffen-SS (ebd.). Lediglich die Bundeswehr war aufgrund ihrer strengen Einzelfallprüfung kein großes Sammelbecken für Altgediente. 1960 fanden sich lediglich „700 ehemalige SS-Angehörige im Sold“ des neuen Dienstherren wieder (S.114).

Zuletzt verweist der Autor auf den Zeitzeugenbericht eines Häftlings, der sieben Jahre von der SS misshandelt wurde – der intellektuelle Vater der Bundesrepublik, Eugen Kogon[6] (1903-1987). Sein Eindruck war – dessen konnte man sich während der Lektüre der Monographie nur selten erwehren: Bei den Angehörigen des „Schwarzen Ordens“ handelte es sich vorwiegend um „Tiefunzufriedene, Nichterfolgreiche, durch irgendwelche Umstände Zurückgesetzte, um Minderbegabte aller Art und häufig genug um sozial gescheiterte Existenzen“ (S.116).

[1] Hein, Bastian: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925-1945, München 2012 (Habilitationsschrift, Regensburg 2011).

[2] Zuletzt im Jahr 1980 behauptet von Andersch, Alfred: Der Vater eines Mörders: Eine Schuldgeschichte, Zürich 72012.

[3] Longerich, Peter: Heinrich Himmler. Biographie, München 2008.

[4] Sammons, Jeffrey L. (Hg.): Die Protokolle der Weisen von Zion: die Grundlage des modernen Antisemitismus – ein Fälschung. Text und Kommentar, Göttingen 42007, S.21.

[5] Neliba, Günter: Wilhelm Frick. Der Legalist des Unrechtsstaates. Eine politische Biographie, Paderborn 1998.

[6] Kogon, Eugen: Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager, München 442006.

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